Digitale Souveränität ist kein Schwarz-Weiss
Digitale Souveränität wird oft hitzig diskutiert. Was stört dich am aktuellen Ton?
Marc Holitscher: Die Debatte kippt oft ins Schwarz-Weiss. Eine Umgebung gilt entweder als komplett souverän oder als vollständig fremdbestimmt. Die Wirklichkeit hat mehr Abstufungen. In den Kundengesprächen geht es um konkrete Fragen. Wo liegen die Daten, wer greift darauf zu, welches Recht gilt und wie lässt sich KI sicher betreiben. Sobald man diese Fragen sortiert, wird aus einem Reizthema eine lösbare Aufgabe. Genau da setzen wir mit den Kunden an.
Was treibt die Kunden konkret um?
Marc Holitscher: Am häufigsten der Wunsch, die Vorteile der Public Cloud zu nutzen und trotzdem die Kontrolle über die eigenen Daten zu behalten. Dazu kommen Fragen zum Zugriff durch Dritte, zur Ausfallsicherheit und zur Abhängigkeit von einzelnen Anbietern. Und die Sorge, dass der Zugang zu einer Plattform aus politischen Gründen wegfällt. Solche Themen ziehen sich durch fast jedes Gespräch, quer durch Branchen und Unternehmensgrössen.
Ein Dauerbrenner ist der US CLOUD Act. Bekommen US-Behörden damit ungehindert Zugriff auf Schweizer Daten?
Marc Holitscher: Nein, dieses Bild stimmt nicht. Der CLOUD Act ist ein geregeltes Verfahren mit festen Grenzen, kein Freipass. Unser Transparenzbericht zeigt die dokumentierten Behördenanfragen. Für die Schweiz belegen die Zahlen, dass die oft beschriebenen Zugriffe in der Praxis nicht der Realität entsprechen. Der CLOUD Act gehört in die Risikobewertung. Als pauschaler Grund gegen die Cloud taugt er nicht.
Was, wenn die USA Microsoft untersagen, Dienste in Europa anzubieten?
Marc Holitscher: Das Szenario wird oft genannt, und wir berücksichtigen es. Microsoft hat zugesagt, gegen staatlich verordnete Zugangssperren rechtlich vorzugehen. Zusätzlich gibt es technische Antworten. Azure Local kann in einer lokalen Umgebung betrieben werden und gibt Kunden die Möglichkeit, ihre Workloads unabhängig von der globalen Cloud-Infrastruktur zu kontrollieren. Je nach Anforderung kann die Umgebung verbunden oder bewusst getrennt betrieben werden. Damit hängt der Betrieb nicht an einem einzelnen Punkt. Der Kunde behält die Handlungsfähigkeit, auch im Extremfall.
Der Kunde entscheidet selbst, welche Daten er wo betreibt, in der öffentlichen Cloud, in einer privaten Umgebung im Land oder vollständig getrennt vom Netz.
Dein Schlagwort am Event war Freiheit. Was meinst du damit?
Marc Holitscher: Souveränität heisst am Ende Wahlfreiheit. Der Kunde entscheidet selbst, welche Daten und Anwendungen er wo betreibt, in der öffentlichen Cloud, in einer privaten Umgebung im Land oder vollständig getrennt vom Netz. Der Kunde hat diese Wahlfreiheit heute, und genau darum geht es. Stärke kommt aus kluger Vernetzung unter festen Bedingungen. Unsere Aufgabe ist, für jede Anforderung die passende Option bereitzustellen.
Am Event habt ihr neue Kontrollen gezeigt. Was bringt das dem Kunden?
Marc Holitscher: Mehr Kontrolle über die eigenen Schlüssel. Mit External Key Management verwaltet der Kunde seine Verschlüsselung selbst und behält die Hoheit darüber. Data Guardian stellt sicher, dass Zugriffe nur durch Personen mit Sitz in der Schweiz erfolgen, nachvollziehbar über ein manipulationssicheres Protokoll. Für regulierte Branchen zählt diese belegbare Kontrolle, denn sie lässt sich im Audit nachweisen.
Welche Rolle spielt KI in diesen souveränen Umgebungen?
Marc Holitscher: KI verändert die Anforderungen an souveräne Infrastrukturen deutlich. Viele Organisationen wollen ihre Modelle nahe an den Daten betreiben, aus Gründen der Kontrolle, der Latenz und der Nachvollziehbarkeit. Genau hier wird das Zusammenspiel von Microsoft und lokalen Partnern wichtig: Azure Local bringt die Cloud-Funktionalität in eine kontrollierte Umgebung, Green stellt dafür das Schweizer Rechenzentrumsfundament bereit. Mit hoher Leistungsdichte, leistungsfähigen GPUs und einer auf KI-Workloads ausgelegten Infrastruktur lassen sich KI-Anwendungen lokal betreiben, ohne auf die Vorteile moderner Cloud-Technologien zu verzichten.
Chris Keller, CRO bei Green und Marc Holitscher, NTO bei Microsoft Schweiz
Am Sovereignty Day habt ihr die Zusammenarbeit mit Green vorgestellt. Wieso spielt die Wahl des Datacenters eine zentrale Rolle?
Marc Holitscher: Bei souveränen Architekturen entscheidet nicht nur die Plattform, sondern auch der Standort, an dem sie betrieben wird. Es braucht ein Rechenzentrum, das Verfügbarkeit, Sicherheit und Konnektivität in der Schweiz gewährleistet. Genau hier kommt Green ins Spiel: Green stellt das Schweizer Fundament für Azure Local bereit, mit vier Rechenzentren in der Schweiz, ausgelegt auf geografische Redundanz, Schweizer Betrieb und Schweizer Recht. Auf dieser Grundlage können Kunden Azure Local je nach Risikoprofil und Anforderung getrennt oder verbunden betreiben. Wer bereits Public Cloud oder hybride Umgebungen nutzt, ergänzt diese um eine vollständig lokale, in der Schweiz betriebene Architektur. Die private Anbindung an Microsoft Azure erfolgt über Azure ExpressRoute, eine dedizierte und private Netzverbindung. So bleiben lokale Workloads eng mit den Azure-Diensten verbunden, während die Daten in der Schweiz liegen.
Warum reicht die Plattform allein nicht, warum braucht es ein ganzes Ecosystem?
Marc Holitscher: Eine tragfähige Umgebung besteht aus mehreren Schichten, die zusammenpassen müssen. Die Hardware-Partner liefern zertifizierte Plattformen mit Server-, Speicher- und Netzkomponenten. Green stellt das Rechenzentrum mit Strom, Kühlung, physischer Sicherheit und dem Betrieb rund um die Uhr. Ein Integrator entwirft die Gesamtlösung, führt Migration und Konfiguration durch und begleitet den Start. Die Connectivity verbindet Standort, Rechenzentrum und Cloud über sichere und redundante Leitungen. Erst das Zusammenspiel dieser Rollen macht aus einer Strategie eine belastbare Architektur.
Was rätst du einem CIO, der heute vor dieser Entscheidung steht?
Marc Holitscher: Der Weg beginnt mit einer ehrlichen Bestandsaufnahme. Ein Unternehmen sollte seine Abhängigkeiten kennen und bestimmen, welche Daten und Prozesse für den Betrieb kritisch sind. Auf dieser Basis lässt sich eine bewusste Wahl zwischen den Optionen treffen, von der Public Cloud über hybride Modelle bis hin zum vollständig getrennten Betrieb. Wichtig bleibt die Balance zwischen Sicherheit und Innovationskraft. Zu viel Vorsicht verlangsamt die Wertschöpfung, zu wenig Kontrolle erhöht das Risiko. Ein Unternehmen sollte diese Balance bewusst gestalten und regelmässig überprüfen. Dabei unterstützen wir gemeinsam mit unseren Schweizer Partnern.
Am Ende schafft Souveränität vor allem eines: die Freiheit, moderne Cloud-Technologien dort zu nutzen, wo sie den grössten Mehrwert bringen, und kritische Workloads dort zu betreiben, wo Unternehmen zusätzliche Kontrolle und spezifische regulatorische Anforderungen erfüllen müssen – auf einer verlässlichen, in der Schweiz betriebenen Infrastruktur.